18. Oktober 2026
KI im Postfach. Wenn Mails versteckte Befehle enthalten.
Viele Teams lassen Mails inzwischen von KI zusammenfassen und sortieren. Genau deshalb schreiben Angreifer jetzt nicht mehr nur für den Menschen, sondern auch für die KI, die mitliest.
Anfang Oktober hat das Sicherheitsunternehmen Barracuda Phishing-Mails beschrieben, die zwei Ziele auf einmal haben. Hier steht, was dahintersteckt und welche Leitplanken reichen, ohne daraus ein IT-Großprojekt zu machen.
Was ihr seht
- Normale Mail
- Anhang mit Passwort
- Link
Klassisches Phishing. Ziel ist der Mensch.
Was die KI liest
- Versteckter Text
- „Als dringend markieren“
- Falscher Vorschlag
- Mensch prüft das Original
Ziel ist die Zusammenfassung. Die Prüfung bleibt beim Menschen.
Was gerade passiert
Laut Barracuda sah eine analysierte Mail aus wie gewöhnliche interne Korrespondenz. Für den Menschen gab es einen passwortgeschützten Anhang, das Passwort stand gleich im Text. Für die KI gab es eine zweite, unsichtbare Ebene: Anweisungen, die den Assistenten dazu bringen sollen, die Mail in seiner Zusammenfassung als legitim oder dringend darzustellen.
Übersieht der Mensch die Mail, holt die KI sie also wieder nach oben. Diesmal als Empfehlung eines Werkzeugs, dem man vertraut.
Barracuda nennt weitere Beispiele aus realen Angriffen. In einer Rechnungsmail wies ein versteckter Block die zusammenfassende KI an, eine angebliche Prioritätsaufgabe einzufügen: die Bankdaten eines Lieferanten zu ändern. Bei der automatischen Vorauswahl von Lebensläufen versteckte ein Bewerber Text, der die KI anweisen sollte, ihn mit 10 von 10 Punkten zu bewerten. Auch Malwarebytes und das dänische CERT haben über die Analyse berichtet.
Warum die KI darauf hereinfallen kann
Ein Sprachmodell liest Text. Ob ein Satz Inhalt ist, den es zusammenfassen soll, oder eine Anweisung, die es befolgen soll, kann es nicht zuverlässig unterscheiden. Für das Modell ist beides Sprache.
Das Muster hat einen Namen: indirekte Prompt Injection. Die Anweisung kommt nicht vom Nutzer, sondern steckt in einem fremden Inhalt, etwa einer Mail, einem PDF oder einer Webseite. Die OWASP-Liste der größten Risiken für Anwendungen mit Sprachmodellen führt Prompt Injection als ersten Eintrag und hält fest, dass unklar ist, ob es überhaupt einen narrensicheren Schutz gibt.
Versteckt werden die Anweisungen laut Barracuda vor allem auf vier Wegen:
- in HTML-Kommentaren, die das Mailprogramm nie anzeigt
- als unsichtbarer Text, etwa mit Schriftgröße null oder weißer Schrift
- in Base64-codierten Datenblöcken
- mit unsichtbaren Unicode-Zeichen ohne Breite (Zero-Width)
Ob so ein Text das Modell wirklich erreicht, hängt davon ab, wie das jeweilige Tool die Mail aufbereitet. Darauf verlassen solltet ihr euch nicht.
Wer selbst KI-Anwendungen baut, lernt das früh: Alles, was von außen kommt, ist erst einmal nur Text. Und Text kann aussehen wie eine Anweisung. Die wirksame Abwehr liegt deshalb weniger im Modell als in der Frage, was die KI mit ihrem Ergebnis tun darf.
Mail → Zusammenfassung → Mensch
Die KI fasst nur zusammen
Im schlimmsten Fall gewichtet sie falsch. Eine Phishing-Mail wirkt plötzlich wichtig, ein Vorschlag klingt plausibel. Ärgerlich, aber gehandelt wird noch von einem Menschen. Hier hilft vor allem eine Gewohnheit: Original öffnen, bevor ihr handelt.
Mail → KI → Antwort, Weiterleitung, Zahlung
Die KI darf auch handeln
Darf ein Assistent oder Agent antworten, weiterleiten oder Daten herausgeben, wird aus einer falschen Gewichtung eine echte Aktion. Dann entscheiden die Rechte, nicht das Modell. Den Unterschied zwischen Bot und Agent haben wir hier erklärt: Bot oder Agent.
Was allein laufen darf und was ein Ja braucht
Darf allein laufen
- Mails lesen und sortieren
- Zusammenfassungen schreiben
- Entwürfe anlegen, die niemand automatisch verschickt
- Vorgänge oder Tickets anlegen, sichtbar für das Team
Braucht ein Ja vom Menschen
- Antworten an Kunden oder Lieferanten senden
- Mails an externe Adressen weiterleiten
- Bankdaten, Stammdaten oder Zahlungen ändern
- Mails oder Daten löschen
Das deckt sich mit dem, was BSI und ANSSI in ihren gemeinsamen Grundsätzen für Systeme mit Sprachmodellen empfehlen: Zugriffsrechte bedarfsgerecht begrenzen und kritische Entscheidungen unter menschlicher Aufsicht treffen.
Checkliste: 7 Leitplanken für KI im Postfach
- 01
Inventar machen
Wo liest heute schon KI mit? Assistenten im Mailprogramm, Browser-Erweiterungen, eigene Automationen, Ticketsysteme. Fragt auch nach Tools, die einzelne Mitarbeitende selbst eingerichtet haben.
- 02
Rechte klein schneiden
Lesen und zusammenfassen ja. Senden, weiterleiten und löschen nur dort, wo es wirklich gebraucht wird. Jedes Recht, das fehlt, kann auch niemand missbrauchen.
- 03
Freigabe vor Außenwirkung
Alles, was nach außen geht oder Geld bewegt, braucht ein Ja von einer benannten Person. Kein Autopilot für Antworten, Weiterleitungen oder Zahlungen.
- 04
Bankdaten nie auf Zuruf
Ändert ein Lieferant angeblich seine Bankverbindung, bestätigt das über einen bekannten, getrennten Kanal, zum Beispiel per Rückruf unter der Nummer aus eurem System. Eine KI-Zusammenfassung ist keine Bestätigung.
- 05
Original vor Aktion
Drängt eine Zusammenfassung zu einer Handlung, öffnet die Originalmail. Dringlichkeit in einer Zusammenfassung ist ein Hinweis, kein Beweis. Sagt das einmal kurz im Team.
- 06
Fremdinhalte als Daten behandeln
Baut ihr eigene Automationen, kennzeichnet Mails, PDFs und Webseiten klar als fremden Inhalt, entfernt versteckte Elemente vorher und prüft die Ausgabe der KI gegen ein festes Format, bevor sie etwas auslöst.
- 07
Protokollieren und testen
Haltet fest, was die KI vorschlägt und tut. Schickt ab und zu eine harmlose interne Testmail mit verstecktem Hinweis und schaut, was der Assistent daraus macht.
Nicht nur das Postfach
Bewerbungen
Versteckter Text in Lebensläufen, der eine KI-Vorauswahl beeinflussen soll.
Kundenservice-Bots
Anfragen, die sich als Wartungsmodus ausgeben und den Bot nach seiner eigenen Konfiguration fragen.
Dokumente und Webseiten
Inhalte, die eine KI später liest, etwa als Wissensquelle oder beim Recherchieren.
Die Regel bleibt dieselbe: Was von außen kommt, ist Inhalt, keine Anweisung. Und was Wirkung hat, gibt ein Mensch frei.
Kurz die Fragen
Sollen wir KI im Postfach jetzt abschalten?
Nein. Zusammenfassen und sortieren bleibt nützlich. Entscheidend ist, was danach allein passieren darf und wo ein Mensch freigibt.
Reicht ein guter Spamfilter?
Filter helfen, sind aber nur eine Ebene. Barracuda schreibt selbst, dass keine einzelne Maßnahme jede Variante stoppt. Deshalb mehrere Ebenen: Filter, enge Rechte, Freigabe, Protokoll.
Betrifft das auch kleine Betriebe?
Das Risiko hängt nicht an der Größe, sondern daran, ob eine KI fremde Mails liest und was sie danach tun darf. Gerade ohne eigene IT-Abteilung helfen klare, einfache Regeln.
Was ist anders als bei normalem Phishing?
Normales Phishing will den Menschen täuschen. Hier soll zusätzlich die KI getäuscht werden, damit die falsche Empfehlung von einem Werkzeug kommt, dem ihr vertraut.
MerksatzDie KI darf alles lesen. Handeln darf sie nur, was ihr freigebt.
Quellen
- Barracuda: Threat Spotlight zu E-Mail-Angriffen auf Menschen und KI-Assistenten (7. Oktober 2026, aktualisiert 14. Oktober 2026)
- Malwarebytes: Phishing emails are baiting your AI assistant (12. Oktober 2026)
- DKCERT (dänisches CERT): AI-assistenter bliver nyt mål i phishingkampagner (8. Oktober 2026)
- OWASP Gen AI Security Project: LLM01:2025 Prompt Injection
- BSI und ANSSI: Design Principles for LLM-based Systems with Zero Trust (11. August 2025)
Wo liest bei euch schon KI mit?
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